Gedankenkarussell

Eine Einladung, zwei Kleider, drei Kinder

Kolumne: Familienausflug auf eine Hochzeit

Als die Einladung zur Hochzeit einer langjährigen Freundin ins Haus flattert, freue ich mich riesig. Natürlich in erster Linie, weil sie endlich den Mann fürs Leben gefunden hat. Aber auch, weil ich Hochzeiten ganz wunderbar finde. Ich liebe die feierliche Stimmung, die Romantik, das Essen, die Party und natürlich die Klamotten.

Also sage ich gleich zu. Ja, wir kommen gerne. Ja, zu fünft. Nein, mein Mann ist kein Vegetarier. Ja, natürlich ist meine Tochter gerne eines der Blumenmädchen. Dann endlich ist es soweit. Zum Glück wohnen wir nur eine Autostunde entfernt. Das sollte also auch mit den Kindern vergleichsweise stressfrei werden. 

Zwei von drei Kindern sind schon zehn Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit angezogen. Besser kann es kaum laufen. Nur der Große verweigert sein Outfit. Mit der Hose kann er sich anfreunden, mit dem Hemd und den Schuhen nicht. Er möchte lieber das Fußballtrikot und die gelben Gummistiefel anziehen. Ich versuche ihm freundlich, aber bestimmt, zu erklären, dass eine Hochzeit ein feierlicher Anlass ist und in der Kirche kein kniehoher Matsch zu erwarten ist. Natürlich interessiert ihn das nicht im Geringsten. Zwanzig Minuten später habe ich einen Etappensieg errungen. Er zieht das Hemd an, trägt aber für die Fahrt seine Gummistiefel. Die Halbschuhe nehme ich mit ins Auto. Ziehen wir später an.

Wie lange dauert das hier noch?

Eine Stunde Fahrt und zwei Pipi-Pausen später kommen wir tatsächlich rechtzeitig an. Während der Trauung gibt es nur wenige Zwischenfälle: Mein Mann muss kurz mit der Kleinen raus – schon wieder Pipi. Der Kleine schreit nur einmal und der Große verhält sich fast tadellos. Es war schließlich keine Absicht, dass er direkt vor dem Jawort in die feierliche Stille hinein rief: Wie lange dauert das hier noch?‟ Ich bin richtig stolz auf meine Kinder. Nicht so stolz bin ich auf mich selbst, denn ich habe im Trubel vergessen, dem Großen die Schuhe zu tauschen. Ich versuche, meinen Ärger zu verdrängen und mich auf das Geschehen zu konzentrieren. Was auch gut klappt: Wie immer bin ich beim Ja-Wort zu Tränen gerührt.

Blumen und noch mehr Tränen

Jetzt kommt gleich der große Auftritt meiner Tochter. Beim Auszug aus der Kirche sollen Blumen gestreut werden. Sie sieht zuckersüß aus mit ihrem schicken Kleid und dem Blumenkörbchen. Ich platze vor Stolz und erkläre noch einmal (das gefühlt 37. Mal), was sie zu tun hat, und gehe dann nach draußen. Schließlich muss ich den Auftritt mit dem Handy knipsen. Vor dem Kirchentor stutze ich dann. Zwei Mädchen laufen vor dem Brautpaar her und streuen brav Blumen, von meiner Tochter keine Spur. Erst als die Braut stehen bleibt, entdecke ich die Kleine hinter dem ausladenden Brautkleid. Der Korb ist voller Blumen, die Augen voller Tränen. Sie stammelt etwas von „schnell‟ und „Blumen vergessen‟. Ich kann nicht rekonstruieren, was passiert ist. Mein Herz droht zu zerspringen. Sie hatte sich doch so gefreut! Die nächsten Minuten verbringe ich mit Trösten statt mit Gratulieren.

Der anschließende Sektempfang unter uralten Eichen und strahlend blauem Himmel ist perfekt organisiert. Leider schüttet der Große seinen Orangensaft auf meinem Seidenkleid, aber ich bin gerüstet und habe ein Ersatzkleid dabei. Das ziehe ich an, als wir die Location für die Feier erreichen. Gut, es ist noch aus der Zeit vor der dritten Schwangerschaft und spannt etwas am Bauch. Aber immerhin habe ich keinen riesigen Fleck auf dem Busen. Man kann eben nicht alles haben.

Pommes statt Tartar

Die Location ist ein Traum: Ein Wasserschloss. Romantischer als alle Julia-Roberts-Filme zusammen. Die Kinder haben jede Menge Auslauf und schnell neue Spielkameraden unter den anderen Gästen gefunden. Durchatmen. Jetzt habe ich nur den Kleinen auf dem Schoß. Der schlägt sich wacker, flirtet mit den Tischnachbarn und erbricht vor lauter Aufregung ein Brei-Milchgemisch auf meinem Ersatzkleid. Ich überlege kurz, ob ich wieder das Organensaft-getränkte Seidenkleid abziehen soll. Immerhin riecht das weniger stark. Aber in diesem Moment wird das Essen serviert. Es ist ein Gedicht. Das Brautpaar hat einen guten Job gemacht und mitgedacht: Statt Lachstarter und Co. bekommen die Kinder Pommes und Schokoladeneis. Was will man mehr? Der Kleine ist inzwischen im Kinderwagen eingeschlafen, die beiden Großen spielen Verstecken unter den langen weißen Tischdecken. Ich bin zufrieden, genieße ein Gläschen Wein und unterhalte mich sogar zwanzig Minuten lang ungestört mit meiner netten, kinderlosen Tischnachbarin. Und wir sehen sogar noch den Eröffnungstanz, bevor wir als Erste mit einem schlafenden und zwei vor Müdigkeit quengelnden Kindern gegen elf Uhr die Heimreise antreten. Schön war´s.

Auf der Rückfahrt überlege ich kurz, wer von unseren Freunden oder Verwandten wohl als nächstes heiraten könnte. Ich tippe auf einen Freund meines Mannes und freue mich schon.

Mal-Ehrlich-Mama-Logo2

Die Kunstfigur „Mama Mascha‟ berichtet in der Kolumne über die alltäglichen Herausforderungen im Leben mit ihren drei (ebenfalls fiktiven) Sprösslingen (zwei Jungs, 5 Jahre und 9 Monate, ein Mädchen 3 Jahre). Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind meist Zufall.

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5 Kommentare

  1. Sehr schöner Text! Und an der Sache mit dem Ersatz-Kleid erkennt man dann die Profi-Eltern 😉
    Wir waren zu einer Hochzeit eingeladen, als unsere kleine Maus gerade einmal 5 Wochen alt war. Glücklicherweise war die Feier direkt beim Hotel. Wir haben dann sofort dort ein Zimmer für uns und ein Zimmer für meine Mutter gebucht, die auf die Kleine aufpassen wollte.
    Das hat auch gut geklappt. Ich konnte zwischendurch zum Stillen rübergehen und danach wieder zur Feier. Nur unser Auto platzte bald aus allen Nähten bei dem ganzen Kram, den wir mitschleppen mussten! 😉

    Liebe Grüße
    Steffi

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  2. Ich war einmal Blumenmädchen bei der Hochzeit meiner Tante. Ich schritt frohen Mutes mit meinem Körbchen voran und streute Blumen. Bis ich mich umdrehte. „Ihr tretet ja auf die schönen Blumen. Das geht doch nicht“ schrie ich entsetzt, rannte zurück und sammelte alles wieder auf. Das Brautpaar musste dann Blütenfrei voranschreiten. Demnächst feiern sie goldene Hochzeit.

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