Gedankenkarussell

Von Jägern und Sammlern

Kolumne: Ist das Kunst oder kann das weg?

Wir kennen das alle aus der Schule: In der Steinzeit gingen die Männer jagen, während die Frauen Früchte sammelten. Über dieses Stadium sollten wir eigentlich hinweg sein. Dachte ich zumindest. Aber irgendetwas von diesem archaischen Verhalten scheint wohl ganz tief in uns zu sitzen. Nur so kann ich mir erklären, warum meine Söhne wie wahnsinnig hinter jedem Ball her rennen und meine Tochter… Ja, die ist eindeutig eine Sammlerin. 

Die Vierjährige sammelt einfach alles. Als ich ihre Jackentaschen leere, kommen ihre Schätze zum Vorschein: Diverse Steine, verwelkter Löwenzahn, eine Kastanie (woher kommt die nur im Mai????), Bindfäden, zwei Deckel von Wasserflaschen, vertrocknete Blätter und ein Haargummi, das definitiv nicht uns gehört. Als ordnungsliebende Mutter will ich das natürlich gleich in den Müll befördern. Ein fataler Fehler, denn dieses Vorhaben wird sogleich mit wütendem Geschrei quittiert. Doch wenige Minuten später hat sich meine Tochter beruhigt und erklärt mir, dass sie all diese Dinge ganz dringend brauche. Zum Basteln. Ich beschließe, das Thema auf sich beruhen zu lassen. Frage nur kurz nach, woher sie das Haargummi hat. Gefunden. Auf dem Spielplatz. Ach so.

Ein Tag später: Wir sind auf dem Weg zur Kita und die Kleine drückt mir zwei Äste in die Hand. „Kannst du auf die aufpassen, bis ich nach Hause komme?“ fragt sie. Und da bricht es dann doch aus mir heraus. Ich kann mir die Belehrung, dass das wirklich nicht nötig sei, und dass auf unserer Terrasse bereits 37 weitere Stöckchen dieser Art lägen, nicht verkneifen. Aber auch hier habe ich keine Chance.

Als ich meine Tochter nachmittags abholen möchte, ruft sie mir entgegen: „Ich muss noch was aus meiner Kiste holen.“ Wenige Augenblicke später steht sie vor mir mit elf bemalten und beklebten Blättern, zwei verzierten Klopapierrollen (das sind ihre Fernrohre) und diversen Wollfäden. Alles Schätze, die sie natürlich mit nach Hause nehmen muss. Ich versuche, es positiv zu sehen, freue mich darüber, dass meine Tochter offenbar ein aufstrebendes DIY-Talent ist und schleppe den Kram nach Hause.

Die Bilder will sie natürlich aufhängen. „Aber bitte in deinem Zimmer“, merke ich gerade noch rechtzeitig an. Da ist an den Wänden zwar nicht mehr viel Platz, aber drei Bilder pappt sie tatsächlich noch mit Tesafilm an die Tür. Kurz erscheinen vor meinem inneren Auge die bezaubernden Kinderzimmer-Fotos, die ich mittags auf Instagram gesehen habe. Komplett schwarz-weiß, minimalistisch eingerichtet, sehr ordentlich und sehr stylisch. Na gut, das ist dann wohl kein Modell für uns. Die restlichen Kunstwerke landen wie immer in der Kreativ-Schublade meiner Tochter. Die geht inzwischen nicht mehr richtig zu. Aber ich werde mich hüten, etwas davon in nächster Zeit wegzuwerfen. Der Trick ist, ganz langsam und unbemerkt (am besten mit mehreren Wochen Abstand) immer die unterste Schicht der wunderbaren Kinderkunst zu entsorgen. Wobei wirklich wichtige Werke verschont bleiben müssen. Kein leichtes Unterfangen, aber nur so kann ich vermeiden, dass es im Zimmer meiner Tochter demnächst aussieht wie bei einem Messi aus einer RTL2-Doku .

Und während ich so ausmiste, halte ich kurz inne und muss lächeln: Eigentlich schön, wenn man sich an solchen Kleinigkeiten erfreuen kann, oder nicht? Dann sortiere ich weiter.

 

 

 

Mal-Ehrlich-Mama-Logo2

Die Kunstfigur „Mama Mascha‟ berichtet in der Kolumne über den alltäglichen Wahnsinn im Leben mit ihren drei (ebenfalls fiktiven) Sprösslingen (zwei Jungs, 5 Jahre und 11 Monate, ein Mädchen 4 Jahre). Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind meist Zufall.

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