Liebe Camilla, dein Mummy-Mag-Post hat mich ins Grübeln gebracht. Genau das war wohl deine Intension. Alles richtig gemacht also. Aber fangen wir von vorne an.

Der Titel des Beitrags, den du vor wenigen Tagen veröffentlicht hast, sagt eigentlich schon alles: „Mit über 30 ist es ein Lotteriegewinn, ohne Zutun schwanger zu werden“. Und mir fallen sofort unzählige Frauen aus meinem Bekanntenkreis ein, denen allein diese Überschrift einen Stich versetzen wird. Weil wir in den 80er Jahren geborenen Frauen denken, dass wir alle Zeit der Welt haben. Dass wir den Zeitpunkt, an dem wir einen Familie gründen wollen, frei wählen können. Irgendwann im Alter zwischen 20 und 45. Und du, liebe Camilla, erklärst uns faktenreich, weshalb das ein Irrglaube ist. Und mir drängt sich die Frage auf: Gibt es den richtigen Zeitpunkt, um Kinder zu bekommen?

Eines vorneweg: Ich war 32, als ich Mutter wurde. Auf natürlichem Wege, ganz ohne Zutun. Heute, mehr als fünf Jahre später bin ich zum dritten Mal schwanger und damit wohl ein Beispiel für den von dir beschriebenen Lottogewinn. Glück gehabt also.

Schwanger mit Mitte Zwanzig? Nein, danke.

Doch worüber ich eigentlich schreiben will, ist die Frage, weshalb ich nicht schon Mitte Zwanzig schwanger wurde. Weil das viel über unsere Gesellschaft und unser Frauenbild sagt. Nein, bei mir lag es nicht am fehlenden Partner. Der war damals bereits derselbe wie heute. Es lag vielmehr daran, dass ich mich nicht abhängig machen wollte von einem Mann. Daran, dass ich auf eigenen Beinen stehen wollte, trotz glücklicher Beziehung. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb viele Frauen den Kinderwunsch nach hinten verschieben. Weil wir heute anders ticken (müssen). Weil wir an uns selbst denken müssen. Selbst für uns sorgen müssen. Denn schließlich sehen wir rechts und links von uns nichts als gescheiterte Beziehungen und Trennungen.

Jung Mutter werden auf Kosten der Bildung?

Ich komme aus einem kleinen Dorf. Einige meiner Grundschulfreundinnen wurden von ihren Eltern damals trotz Einser-Zeugnis auf die Realschule geschickt. Weil sie der Meinung waren, dass es sich bei einem Mädchen nicht lohne, in Bildung zu investieren. Die wird ohnehin Mutter. Wozu dann Abitur und Studium? (Ja, das ist noch keine 30 Jahre her, hört sich aber nach Steinzeit an.) Zum Glück boten mir meine Eltern andere Chancen. Sie ermöglichten allen vier Töchtern ein Studium. Mit sieben Jahren eingeschult war ich bereits 20, als ich Abitur machte. Danach ging es direkt an die Uni. Gespickt mit Praxis- und Auslandssemester habe ich rund sechs Jahre für meinen Masterabschluss studiert. Erste Berufserfahrung machte ich in einem Volontariat. Befristet versteht sich. Ja, und so war ich 28, als ich den ersten unbefristeten Job annahm und endlich meine Ausbildung zu Geld machen konnte. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schwanger werden sollen? Ist es nicht nachvollziehbar, dass ich erst Berufserfahrung sammeln wollte, bevor ich mich in die Babypause verabschiedete? Hätte ich mich bereits als Einsteiger mit einer Teilzeitstelle begnügt, wäre das nicht der Beleg für die Theorien der Eltern meiner Grundschulfreundinnen gewesen? Wozu die ganze Mühe, wenn man dann direkt nach dem Studium in die Mutterrolle schlüpft?

War ich oberflächlich und unreif?

Gut, nun kann man mir falsche Prioritäten vorwerfen. Oberflächlichkeit. Egoismus. Zu wenig Reife, um schon damals in der Mutterrolle aufgehen zu können. Und vielleicht ist da auch etwas dran. Aber das Entscheidende war wohl nicht, dass ich damals tatsächlich keine Kinder wollte. Das Entscheidende war, dass mir die Gesellschaft vermittelte, dass ich mich entscheiden müsse. Denn genau so ist es doch: Jeder, der mit  einem kleinen Kind schon einmal versucht hat, einen qualifizierten Job zu finden, wird mir Recht geben.

Wann schwanger werden

Das Problem ist die mangelnde Vereinbarkeit. Viele Frauen, die heute zwischen 30 und 40 sind, wollen beides: Beruf und Kind. Wir wollen uns nicht entscheiden müssen. Und so versuchen wir, beruflich einen Fuß in die Tür zu bekommen, bevor wir Kinder bekommen. Weil dann der Wiedereinstieg nach der Babypause leichter ist.

Die klassische Rollenverteilung ist passé

In meinem Umfeld gibt es durchaus auch ein paar jüngere Mütter, wenn auch nicht viele. Und meist leben diese Paare eine klassische Rollenverteilung: Er als Versorger der Familie, sie als Mama, die vielleicht noch nebenbei ein paar Stunden arbeitet. Ich habe Respekt davor, aber das ist nicht mein Weg. Frauen, für die diese klassische Rollenverteilung nicht in Frage kommt, haben bei unseren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen keine andere Chance als vergleichsweise spät Mutter zu werden. Das ist unser Preis für die berufliche Gleichberechtigung, für die wir kämpfen.

Liebe Camilla, du siehst, ich kann das Dilemma nicht lösen. Ich kann mich und viele andere Frauen nur erklären und feststellen: Solange wir als junge Mütter nicht die gleichen beruflichen Chancen haben wie Kinderlose, solange wir in Teilzeit keine Karriere machen können, solange werden sich junge Frauen in zwei Lager spalten: Die Gruppe, die vergleichsweise früh Mutter wird und dafür bereit ist, auf Verwirklichung im Job zu verzichten. Und die Gruppe, die den Kinderwunsch vertagt, weil sie beruflich noch etwas vor hat.

Und ja, du hast Recht: Für viele Frauen ist es dann zu spät für Kinder. Ohne es zu bemerken haben sie das Zeitfenster verpasst. Weil die biologische Uhr aufgehört hat zu ticken, während sie versucht haben, sich beruflich zu verwirklichen. Ein hoher Preis.

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8 replies on “Zu früh? Zu spät? Gibt es den richtigen Zeitpunkt, um Mutter zu werden?

  1. Hallo , schön geschrieben, aber ich höre auch leicht raus das man als junge Mutter quasi sich alles versaut hat . Ich bin mit 18 schwanger geworden und ich finde, ich meistere es trotzdem sehr gut. Mein Sohn hat Krebs und jetzt nutze ich jede Minute mit ihm und wenn wir das alles mal überstanden haben bin ich immer noch jung genug um meine Ausbildung fort zu setzten. Denn arbeiten tuhe ich trotzdem noch auf Teilzeit also komme ich da auch nie raus .

    LG Jacqueline

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    1. Hallo Jacqueline, vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Nein, meine Intention war definitiv nicht, das Jung-Mutter-Werden zu verteufeln. Mir ging es darum, zu verdeutlichen, weshalb das für mich persönlich nicht der richtige Weg gewesen wäre. Oder auch, welche Ängste mich davon abgehalten haben. Eine Wertung soll das definitiv nicht sein. Ich kann vor dem, was du leistest, nur den Hut ziehen. Ich wünsche dir und deinem Sohn alles Gute! LG, Regine

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  2. Schön geschrieben! Genauso ging es mir auch. Und hätte ich gewusst wie kompliziert es mit Kindern tatsächlich wird, hätte ich wahrscheinlich noch länger gewartet. Zum Glück wusste ich es nicht 😉
    Liebe Grüße
    Lena

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  3. Es ist immer eine persönliche Entscheidung würde ich sagen… Was mich ein bisschen stört an deinem Text ist, dass es sich so liest, als könne man nicht jung Mutter werden und dennoch eine gute Ausbildung absolvieren. Ich bin mit 22 Mutter geworden, habe nach einem halben Jahr wieder studiert (stundenweise) und dann, als die Maus in der Kita war, auch meinen HiWi-Job weitergemacht. Mein Mann war zusätzlich nur am WE vor Ort. Dass wir heute eine klassische Rollenverteilung leben, hat nichts mit meiner frühen Mutterschaft zu tun oder einer schlechten Ausbildung, sondern mit dem Job meines Mannes, null Unterstützung aus dem familiären Umfeld (Großeltern weitweg) und meinem persönlichen Wunsch für die Kinder voll und ganz da sein zu wollen (diese Erkenntnis lag vor allem an Vorfällen in der zweiten Schwangerschaft), weil ich mir sage, dass diese Zeit einfach zu schnell vorbeigeht. Also egal, wie der persönliche Weg aussieht, Ausbildung und junge Mutterschaft lassen sich schon verbinden. Wie ich finde sogar sehr gut!
    Liebe Grüße
    Sylvi

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    1. Liebe Sylvi,

      ja, jede Frau ist anders und jeder Lebenslauf natürlich auch. Ich finde es klasse, dass du das geschafft hast. Ich hätte vermutlich nicht den Mut dazu gehabt. Es ist schön, dass es eben auch Beispiele wie dich gibt. Trotzdem glaube ich, dass ich mit meinem Lebenslauf eher ein typisches Beispiel für unsere Generation bin. Das ist selbstverständlich keine Wertung. Ich wollte mit dem Artikel in erster Linie erklären, wie viele Frauen heute ticken und weshalb das oftmals dazu führt, dass sie das Thema Kind nach hinten verschieben. Weil ich glaube, dass ich diesbezüglich ziemlicher Durchschnitt bin. Mütter wie du können junge Frauen dazu ermutigen, früher Kinder zu bekommen. Und vielleicht gelänge es dann auch, gesellschaftlich und auch in den Unternehmen etwas zu verändern. Das wäre doch was 😉

      Liebe Grüße

      Regine

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