Ein gesellschaftskritischer Jahresrückblick – das hat mich 2017 nachdenklich gemacht

Jahreswechsel. Wir schauen zurück. Lassen das alte Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen Revue passieren. Klar, ich könnte euch von den vielen schönen Momenten erzählen, die das Jahr für mich geprägt haben. Von Urlauben und einem positiven Schwangerschaftstest. Von Ausflügen und der ersten Ultraschalluntersuchung.

Aber irgendwie ist mir nicht danach. Schließlich habe ich euch in den letzten Monaten schon an meinem Leben teilhaben lassen, weshalb nun noch einmal alles zusammenfassen? Ich versuche daher, einen etwas anderen Weg einzuschlagen und habe aufgeschrieben, was mich in diesem Jahr nachdenklich gemacht hat. Drei Debatten, die mit meiner Rolle als Frau und Mutter zusammenhängen, habe ich heraus gesucht. Dinge, die sich dringend ändern müssen. Für uns und für unsere Töchter. Ja, es sind die ganz großen Veränderungen, die ich mir wünsche. Und ich weiß, dass 2018 das nicht leisten können wird. Aber träumen darf man ja.

Ernüchternd: Jede dritte Mutter fühlt sich alleinerziehend trotz Partner

Wow, was für ein deprimierendes Ergebnis. Im Frühjahr 2017 veröffentlichte das Rheingold-Institut eine Studie, für die rund 1.000 berufstätige Mütter befragt worden sind. Das Ergebnis ist ernüchternd: Ein Drittel der berufstätigen Mütter fühlt sich trotz Partner alleinerziehend. Weil eben alles an ihnen hängen bleibt. Jede zweite Mami erledigt Dinge lieber selbst, bevor sie sich mit ihrem Partner darüber auseinandersetzt. Knapp die Hälfte der befragten Mütter gibt an, dass von ihren eigenen Bedürfnissen im Alltag nichts mehr übrig bleibt.

Hallo ihr Väter da draußen, wo seid ihr? Was ist los? Liegt es an unserem Perfektionismus? Daran, dass wir dazu neigen, die Dinge an uns zu reißen oder macht ihr euch das Leben zu einfach? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem. Der Druck, dem wir working mums ausgeliefert sind, ist doch gewaltig. Wir sollen einen tollen Job machen, den Haushalt schmeißen, rund um die Uhr für die Kinder da sein, Hobbys und Arzttermine koordinieren, einkaufen, gesund kochen und natürlich dem Partner den Rücken frei halten. Ach ja, ganz nebenbei müssen wir auch mindestens dreimal pro Woche zum Sport, um auch noch nach zwei Schwangerschaften dem Schönheitsideal zu entsprechen. Wer da ab und zu die Contenance verliert, ist eine schnell als Rabenmutter abgestempelt. Obwohl jedem rational denkenden Menschen klar ist, dass es unmöglich ist, überall perfekt zu performen. Also knapsen wir überall ein Stück ab. Erster Streichpunkt auf der Liste? Die Zeit für uns selbst natürlich. Schließlich gibt es so viel zu tun. Wir sind die Kümmere vom Dienst und gleichzeitig die Powerfrauen. Zumindest streben wir das an. Und bei all diesem Streben bleiben wir selbst auf der Strecke. 

Ich bin froh, dass ich selbst so ein gutes Support-System habe. Ich schaffe es, regelmäßig Dinge für mich zu tun. Weil mein Mann die Kinder nimmt. Weil ich sie bewusst mal ein wenig länger in der Kita lasse oder weil die Großeltern einspringen. Und trotzdem gibt es Tage, an denen auch ich einfach nur erschöpft bin. In den letzten Monaten habe ich in Gesprächen mit anderen Müttern festgestellt, dass es einigen so geht wie mir. Und vielen deutlich schlechter. Weil sie vielleicht nicht so viel Unterstützung erhalten wie ich. Oder weil ihre Kinder ganz besondere Bedürfnisse haben, die sie zusätzlich fordern. So viele reiben sich auf und vergessen sich dabei selbst. Auch auf zahlreichen Mama-Blogs ist das aktuell ein Thema.

Sarah von Lotte & Lieke hat sich das Thema gar als Schwerpunkt für 2018 auf die Agenda gesetzt. Mit regelmäßigen Beiträgen, Tipps und Übungen. Vorbeischauen lohnt sich auf jeden Fall.

Sandra von Wortkonfetti beschreibt in ihrem Jahresrückblick die Herausforderungen, die ihr beruflicher Wiedereinstieg mit sich gebracht hat. Ganz ohne Schönfärberei.

Einen schon fast lyrischen Text über das schlechte Gewissen, das Mütter zweifellos immer plagt, hat Sassi von Liniert Kariert verfasst. 

Mal wieder belegt: Was der Gender Pay Gap für Mütter bedeutet

Frauen verdienen in Deutschland immer noch deutlich weniger als Männer. Das hat 2017 einmal mehr das Statistische Bundesamt belegt. 21 Prozent weniger Gehalt bekommen Frauen im Durchschnitt. Grund dafür sind vor allem Auszeiten für Kinder und die Tatsache, dass Frauen sich häufiger Tätigkeiten aussuchen, die schlechter bezahlt sind. Aber auch bei gleicher Qualifikation und gleicher Position bekommen Frauen weniger Geld. Zwar liegt der Unterschied hier im einstelligen Prozent-Bereich. Aber jeder Prozentpunkt ist einer zu viel.

Die Schuld an dem Gehaltsunterschied wird indirekt den Frauen selbst zugeschoben. Sie bekommen ja Kinder und entscheiden sich dafür, Elternzeit zu nehmen und danach nur in Teilzeit wieder in den Beruf einzusteigen. Klar, das schadet der Gehaltsentwicklung. Klingt plausibel. Die Frage ist nur, was die Alternative ist. Ein dreijähriges Kind von 7 bis 18 Uhr in die Kita zu bringen, damit Mama eine 40-Stunden-Woche plus Überstunden reißen kann? Wohl kaum. Klar, auch der Mann könnte seine Arbeitszeit reduzieren und sich mehrheitlich um die Kinderbetreuung kommen. Spricht eigentlich nichts dagegen, hat mit der Realität aber leider nur wenig zu tun. (Ausnahmen bestätigen auch hier mal wieder die Regel.) Das Dilemma: Der Mann verdient oft schon vor der Geburt des ersten Kindes mehr. Weil die angehende Mutter einen klassischen Frauenberuf ergriffen hat, der – weshalb auch immer – von vornherein schlechter bezahlt ist. Also ist klar, wer in Elternzeit geht und anschließend in Teilzeit arbeitet. Weil es wirtschaftlich einfach sinnvoller ist, auf einen Teil des Gehalts von Mama zu verzichten. 

Und so setzt sich der sogenannte Gender Pay Gap weiter fort. Und wir sind nicht nur von gerechten Gehaltsverhältnissen sondern auch von einer Gleichverteilung in der Kindererziehung zwischen Mann und Frau meilenweit entfernt.

Jahresrückblick 2017_a

Laut: Das Time-Magazine kürt Frauen hinter #MeToo zur Person des Jahres

Es war 2017 eine der bedeutendsten weltweiten Kampagne für Frauen. Unter dem Hashtag „MeToo“ berichteten Tausende von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung. Weltweit. In regelmäßigen Abständen kommt das Thema in Deutschland hoch. Zuletzt unter dem Hashtag „Aufschrei“, der nach dem Skandal um Rainer Brüderle und sein Verhalten gegenüber eine Journalistin, deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hatte.

Wohl beinahe jede Frau hat sexuelle Belästigung in der ein oder anderen Form bereits erlebt. Und genau darum sind Aktionen wie „MeToo“ wichtig. Um gegen das Unrecht und die Erniedrigung, die wir immer wieder erleben müssen, anzukämpfen. Um Opfern Mut zu machen. Um ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. Und auch, um zu verdeutlichen, dass sexuelle Belästigung nicht unbedingt ein körperlicher Übergriff sein muss. Erniedrigung und Belästigung fängt viel früher an. 

Dass in unserer Gesellschaft solche Kampagnen offenbar notwendig sind, stimmt mich traurig und nachdenklich. Wir fühlen uns doch eigentlich gleichberechtigt. Schließlich stemmen wir Job und Familie, viele wollen finanzielle Unabhängigkeit vom Partner, sind gut ausgebildet. Aber welch weiten Weg haben wir in Sachen Gleichberechtigung noch zu gehen, wenn es immer wieder Kampagnen wie „MeToo“ geben muss? Wohl noch sehr weit. Aber der Einsatz lohnt sich. Denn ich wünsche mir, dass meine Tochter sich in zwanzig Jahren keine sexistischen Sprüche mehr im Job oder Bekanntenkreis anhören muss. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.  

 

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4 Comments

  1. Antworten

    Jasmin

    9. Januar 2018

    Die Angst, als Emanze, Zicke oder prüde abgestempelt zu werden ist der Grund, warum wir uns sexuelle Belästigung so oft im Alltag gefallen lassen, denke ich. Wir haben Angst, dass ein „Aufmucken“ für uns zum Nachteil wird – sei es im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz. Wir ignorieren die Übergriffe, überspielen sie, flüchten. Das ist sehr traurig, und ich kann nur inständig hoffen, dass wir Frauen endlich laut werden und dagegen vorgehen. Dafür müssen wir uns gegenseitig unterstützen und eben Bewegungen wie #metoo initiieren. Nachdenken macht Spaß. Schöner Artikel, danke!

  2. Antworten

    Elena vom LANDGLÜCK - MAMI BLOG

    3. Januar 2018

    Du sprichst mir so sehr aus der Seele. Bereits seit meiner Jugend bin ich sehr feministisch eingestellt, was mit diversen negativen Erfahrungen zu tun hat, welche mir so manches männliche Geschöpf beschert hat. Unter sexistischen Spruechen hatte ich vor allem waehrend meiner Berufsausbildung zur Industriekauffrau im Männer dominierten Speditionsbereich zu leiden. Ach da gibt es so Vieles zu erzählen. Vor allem aber auch das Thema „alleinerziehend trotz Partner“ fällt mir in meinem näheren Umfeld immer wieder nevativ auf – leider 😥
    Danke für diesen wundervollen Artikel 👍
    Liebe Grüße

    • Antworten

      raise and shine

      3. Januar 2018

      Liebe Elena, vielen Dank für deinen netten Kommentar. Ich war mir mit dem Text ehrlich gesagt etwas unsicher. Schnell wird man ja als Emanze (im negativen Sinne) abgestempelt. Liebe Grüße Regine

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