Mama, was bedeutet Feminist?

„FEMINI – FEMINIS – FEMINIST“ – Meine Tochter kann jetzt lesen und sie liest alles, was ihr vor die Augen kommt. Auch den Aufdruck auf meinen Statement-Sweater. Sie schaut mich fragend an: „Mama, was bedeutet Feminist?“

Kindern Feminismus erklären – keine einfache Aufgabe

Es ist eine dieser typischen Kinderfragen. Eigentlich simpel, aber nicht so einfach beantwortet. Wie soll ich einer Sechsjährigen Feminismus erklären? Ich versuche, es möglichst einfach zu halten: „Ein Feminist ist jemand, der sich dafür einsetzt, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben. Dass Frauen alles tun dürfen, was auch Männer tun dürfen.“ Das Fragezeichen im Gesicht meiner Tochter wird nur größer. In ihrer Welt gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Sie wird mich gleich zitieren…

„Aber das ist doch schon so“, sagt sie bestimmt. „Du sagst doch immer, dass es nur eine Sache gibt, die Jungs besser können als Mädchen.“ Ich muss schmunzeln, denn ich weiß genau, was jetzt kommt. Sie wird mich gleich zitieren. „Du sagst immer, das Einzige, was Jungs besser können als Mädchen, ist im Stehen pinkeln.“ Recht hat sie. Das sage ich. Weil ich möchte, dass meine Tochter weiß, dass es nichts gibt, das sie nicht tun kann. Schon gar nicht, weil sie ein Mädchen ist.

Jetzt brauche ich Beispiele, verständliche Beispiele

Ich hole also ein wenig aus. Erkläre ihr, dass Frauen und Mädchen heute schon deutlich mehr dürfen als früher. Dass es Zeiten gab, in denen Mädchen nicht studieren durften. Dass die meisten Frauen früher keinen Beruf ausgeübt haben und daher auch kein eigenes Geld verdienen konnten. Dass Frauen nicht wählen durften. Und dass Feministinnen dafür gekämpft haben, dass sich das ändert. Dann merke ich, dass ich dringend ein Beispiel aus der Gegenwart brauche, sonst wird sie nicht verstehen, worum es mir geht. „Du weißt, dass es auf der Welt Menschen gibt, die wichtige Entscheidungen treffen, die auch andere Menschen betreffen. Chefs von Firmen oder Politiker. Die meisten dieser Menschen sind auch heute noch Männer. Ein Feminist möchte, dass auch Frauen wichtige Entscheidungen treffen dürfen. Dass sie mitbestimmen können“, versuche ich zu erklären. Und dann fällt mir auf, dass sie schon ganz schön viel weiß: „Aber die Chefin von Deutschland, die ist doch eine Frau“, sagt sie. „Ja, aber das ist eine große Ausnahme. In den meisten Ländern regieren Männer und auch in Deutschland gibt es noch viele andere Politiker neben Frau Merkel. Die meisten sind Männer“, antworte ich.

Das Kind zieht weiter, meine Gedanken kreisen

„Ok, dann bin ich auch Feminist. Ich will auch, dass Frauen bestimmen dürfen.“ Für sie ist das Thema erledigt. Für mich nicht. Denn ich mache mir Gedanken darüber, welches Frauenbild ich meiner Tochter vorlebe. Das, was ich tue, wird ihr Selbstverständnis als Frau beeinflussen, soviel ist klar. Und ich weiß auch, dass ein Sweatshirt mit der Aufschrift „Feminist“ nicht reicht. Da muss mehr sein. Bin ich also wirklich eine Feministin?

Wie passt Feminismus in mein Leben?

Ich habe neulich ein Interview mit Angela Merkel gelesen. Die mächtigste Frau der Welt bezeichnet sich selbst nicht als Feministin. Feministinnen seien Frauen, die ihr Leben lang für Gleichberechtigung kämpfen. Wie Alice Schwarzer. Nach dieser Definition kann ich wohl keine Feministin sein. Einiges von dem, was ich bin und tue, könnte man als typisch weiblich bezeichnen. Zumindest entspreche ich in vielerlei Hinsicht einem Frauenbild, das mit Emanzipation nicht allzu viel zu tun hat. Ich blogge über mein Leben als Mutter und gebe Rezepttipps, ich habe einen typischen Frauenberuf, ich liebe Mode, bin eher sprachbegabt als zahlenaffin und nehme mir eine Auszeit vom Job, um für meine Kinder da zu sein. Typisch Frau. Wie passt Feminismus dazu?

Etwas komplexer bin ich doch

Da ist noch diese andere Seite von mir. Die Seite, die mich dazu bringt, trotz eines Fünf-Personen-Haushalts 80 Prozent arbeiten zu geben. Damit ich mein eigenes Geld und nicht zuletzt auch meine eigene Altersvorsorge habe. Ich schaffe mir damit eine gewisse Unabhängigkeit von meinem Partner. Weil mir das wichtig ist. Immer wieder höre oder lese ich von teils jungen Frauen, die sich in Sachen Finanzen ganz auf ihren Mann verlassen. Für mich ist das unvorstellbar. Verurteilen möchte ich deshalb aber niemanden. Denn letztendlich ist es das, was modernen Feminismus für mich definiert: Wahlfreiheit. Alles kann, nichts muss.

Und dann sind da noch zwei andere Dinge, die ich leisten kann und möchte: Sprechen und schreiben. Denn ich beiße mir immer seltener auf die Zunge, wenn ich mal wieder einen sexistischen Spruch höre oder er gar an mich adressiert ist. Und ich schreibe darüber.

Jeden Tag rede ich gegen den Unsinn an, den die Gesellschaft meinen Kindern auftischen möchte. Dass rosa nur für Mädchen sei zum Beispiel. Dass Jungs nicht gerne malen und auch nicht mit Puppen spielen. Dass sie nicht weinen und Mädchen nur in Kleidern hübsch aussehen. Mit all diesem Quatsch werden sie schon im Kindergartenalter konfrontiert. Dagegen anzureden, mit meinem Sohn in der Spielküche zu kochen und mit den Mädchen Ball zu spielen, das ist aktuell der Part, den ich leiste, im Kampf für Gleichberechtigung. Es mag ein leiser, unspektakulärer Beitrag sein, aber deswegen nicht weniger wichtig.

Und ja, vielleicht ist Feministin ein großes, zu großes Wort. Aber wenn viele von uns kleine Schlachten kämpfen, dann erreichen wir wahrscheinlich gemeinsam mehr als wenn wenige Menschen Großes tun.

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